oder wie wir uns selbst zu Zwergen machen !
Einer besonders lieben Freundin verdanke ich eine heftige und zugleich heilende Erfahrung, die mir deutlich machte, wie hochmütig ich auf meine Wurzeln blicke und mich immer wieder über gewisse Eigenheiten meiner Eltern und Geschwister unangemessen ärgere.
Ich habe auch den Eindruck, daß es gerade sehr modern ist, unsere Unzulänglichkeiten und Schwächen im Alltag gerne auf unsere Erfahrungen und Prägungen in der Kindheit zurückzuführen.
In vielen Seminaren und Büchern wird die Bewältigung von sog. Kindheitstraumen und deren Auswirkungen auf unser heutiges Leben durch Re-Parenting, innere-Kind-Arbeit und ähnlichem gelehrt.
Ja, Vieles, das uns in unserer Kindheit und Jugend gesagt und getan wurde schmerzte und prägte uns. Aber sehen wir zugleich auch die unzähligen Sekunden und Stunden, die Tage und Jahre, in denen wir
- liebevoll betrachtet wurden ?
- wir mit allem, was wir brauchten umsorgt wurden ?
- wir der Grund für so viele schlaflose und sorgenvolle Nächte waren
- mit unvorstellbaren Schmerzen in die Welt gebracht wurden ?
- wir, als wir krank waren, von liebevollen Händen gepflegt wurden ?
- für unsere Bedürfnisse mühsam geschuftet wurde ?
- es uns ermöglicht wurde 400 mal und oft noch viel öfter am Tag zu lachen ?
Wir bestrafen unsere Eltern Jahrzehnte lang für die (verhältnismäßig) wenigen Momente in den ersten Jahren unseres Lebens, in denen sie “schwach” waren, in denen es Ihnen weniger möglich war, uns mit liebenden Augen zu betrachten.
“Wir Menschen handeln in jedem Moment in der uns bestmöglichen Weise”
Und wenn wir schon so dreist sind, uns ständig über vermeintlich negativen Auswirkungen der “Schwächen” unserer Eltern auf unser jetziges Leben zu beschweren, müssten wir diesen Gedanken nur weiter verfolgen und zu dem logischen Schluss kommen, dass auch sie von ihren Eltern geprägt wurden.
Und dann stell’ ich mir vor, wie es war, als meine Großmutter mit 5 Kindern als 25-jährige Witwe jeden Tag um das Überleben der Familie kämpfen musste und nicht eine einzige Idee hatte, wie sie je wieder glücklich werden sollte…
und dann erkenne ich, dass ich mir das nicht vorstellen kann, daß ich durch viele “Wunder”-bare und “Liebe”-volle Umstände geboren werden konnte…
Roman Braun schreibt in seinem Blog: “Und wir, als Kinder unserer Eltern, sind wohl dann erst “reif”, wenn wir unseren Eltern verzeihen, dass sie nicht so perfekt sind, wie wir dachten, dass sie es sind.”
Der Preis für die Verurteilung unserer Eltern ist hoch. In der oben erwähnten Erfahrung bekam ich am Ende das Bild eines Baumes, dessen Wurzeln ebenso viel Platz unter der Erde einnehmen, wie er für uns an der Oberfläche sichtbar erscheint. Wie groß(-artig) können wir sein, wenn wir uns unserer Wurzeln entledigen ?
Alle großen spirituellen Traditionen lehren die Ehrung und Würdigung unserer Vorfahren.
zum Beispiel: Exodus 20:12″ Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.”
Wir stehen auf den Schultern von Giganten, auf den Schultern unserer Vorfahren. Sie zu stürzen macht uns zu Zwergen.
Hochmut kommt vor dem Fall… um dann wieder aufzustehen und den rechten Platz einzunehmen… in Demut gebeugt und dankbar für das, was vor uns und für uns getan wurde…